Der beste Job kam in der schlechtesten Woche

Aktualisiert: vor 6 Tagen

Anfang Oktober 2025 sollte meine Frau nach Jahren Elternzeit wieder in ihren Beruf einsteigen. Das stand seit über einem Jahr fest. Ich hatte ihr versprochen, diesen Einstieg so leicht wie möglich zu machen: wenig Termine, feste Abläufe, ich kümmere mich. Als Selbstständiger kann ich mir solche Räume schaffen. Das war der Plan.
Dann kam der Sommerurlaub.
Eine Mail unter Pinien
Wir standen mit dem Wohnwagen irgendwo an der französischen Atlantikküste, als die Anfrage kam. Ein Innovationsprogramm in einem Automobilkonzern, vier Tage Offsite, fünf Teams von Standorten auf mehreren Kontinenten. Gesucht war jemand für alles: den Prozess über vier Tage begleiten, die Teams coachen, Workshops bauen und moderieren, die Pitches vor dem Vorstand vorbereiten und am Ende die Show moderieren.
So eine Anfrage bekommt man nicht oft. Der Termin: die erste Oktoberwoche.
Ich sagte, das geht nicht, ich sage ab. Meine Frau sah mich an und sagte ohne eine Sekunde Zögern: „Machen!“ Ich habe noch mehrmals angeboten abzusagen. Sie blieb dabei, obwohl sie wusste, was das für ihren Einstieg bedeutet.
Die Agentur, die mich angefragt hatte, gab mir die paar Tage Bedenkzeit, die ich brauchte, ohne Druck. Wie jemand mit so einer Bitte umgeht, sagt viel über ein Projekt. In diesen Tagen haben wir unser Unterstützersystem hochgefahren. Meine Schwester zog für die Woche bei uns ein, die Schwiegereltern standen als Reserve bereit. Auf dem Papier war das perfekt. In echt waren die Motten noch nie mehrere Tage am Stück fremdbetreut worden.
Tag eins: Das Skript fällt weg
Ich reiste am Abend an, direkt nach der Elternbeiratssitzung in der Kita. Die Teilnehmenden saßen schon beim Kartenspielen, das Programm lief seit dem Nachmittag. Ich habe mich dazugesetzt und mir erzählen lassen, wie der Tag war. Dieser Einstieg war mehr wert als jedes Briefing.
Am nächsten Morgen fiel das geplante Eröffnungspanel aus, weil die Führungskraft, die es tragen sollte, kurzfristig verhindert war. Statt vorgestellt zu werden, hatte ich eine Stunde, um alle fünf Teams kennenzulernen. Vom Produktionsmitarbeiter bis zum Manager, von Deutschland bis Asien, und sehr unterschiedlich weit mit ihren Ideen.
Danach kam das Panel, ausgelegt auf zwei Gäste, mit einem. Ich habe die Teams ihre Ideen vorstellen lassen, und aus der Lücke wurde der erste öffentliche Moment des Programms. Als die Führungskraft doch noch dazukam, reichte ein Blick zur Projektleitung der Agentur, und wir haben es durchgezogen.
Improvisieren ging nur, weil ich vorbereitet war. Wer das Skript kennt, kann es weglegen.
Drei Rollen, eine Person
Die nächsten anderthalb Tage war ich Coach. Das hieß nicht, nett zu sein. Alle wussten, dass am Ende Vorstand und Top-Management im Raum sitzen. Also habe ich benannt, wo Lücken waren, und genauso deutlich, was trägt.
Am Finaltag stand ich dann als Moderator vor denselben Menschen, denen ich zwei Tage vorher unbequeme Fragen gestellt hatte. Das ist der Vorteil, wenn eine Person alle Rollen hält: Ich kannte jede Idee im Raum, jede wacklige Stelle und die Geschichte hinter jedem Team. Niemand musste mich erst briefen.
Und es hat eine Grenze. Wer drei Rollen hält, hat trotzdem nur eine Uhr. Die Coachingtage hatten alles gefressen. Am Abend vor dem Finale war die Moderation der Show noch nicht geschrieben.
Die Nacht vor der Show
Gegen halb zehn saß ich im Hotelzimmer, die leeren Moderationskarten lagen bereit. Mir fehlte der Einstieg.
Ich fand ihn in einem Panel mit ehemaligen Teilnehmenden. Eine von ihnen hatte erzählt, was das Programm für sie verändert hat, und dabei war ihr die Stimme gebrochen. Damit wollte ich anfangen.
Normalerweise bin ich froh, wenn ich als Moderator schnell übergeben kann. Ich muss nicht der Star im Raum sein. Hier brauchte der Raum aber erst einen Rahmen, bevor die Teams ihn füllen konnten. Mit Hilfe von KI habe ich die Geschichte zugespitzt, emotional, aber nicht kitschig. Aus einer geplanten Minute wurden zehn.
Um eins waren alle Karten beklebt. Danach habe ich Namen und Gesichter der Jury gelernt, laut und einzeln. Mit Namen tue ich mich schwer, und ein Dreher vor dem Vorstand bleibt hängen. Gegen zwei habe ich geschlafen.
Das Finale
Am Morgen auf dem Firmengelände saß am Mischpult ein Techniker, mit dem ich schon gearbeitet hatte. Das tat gut. Letzte Probe, dann ein paar Sätze an die Teams: Ihr seid vorbereitet, vertraut euch, habt Spaß.
Aufgeregt war ich trotzdem. Nach all den Jahren immer noch. Kollegen, die sagen, das hätten sie nicht mehr, glaube ich nicht.
Ich habe mit der Geschichte der Teilnehmerin begonnen, und die Gesichter im Raum wurden weicher. Die Führungskraft hat den Faden in ihrer Eröffnung aufgenommen, ohne dass wir das abgesprochen hatten. Dann die fünf Pitches. Alle Teams haben geliefert. Die Jury hat nachgefragt, Unterstützung angeboten und um die Teams geworben, und am Ende hatte jedes Team den Mentor, den es sich gewünscht hatte.
Danach kurz Mittagessen, ein schnelles Foto, und ab zur Bahn. Die Motten mussten aus der Kita.
Was es braucht
Meine Frau hat ihre erste Woche geschafft. Unser System hat gehalten, nicht perfekt, aber gut genug.
Seitdem gilt bei uns: Bei großen Einsätzen sagen wir früh Bescheid, planen Puffer ein, und notfalls sage ich ab. Aber wenn es passt und meine Frau „Machen!“ sagt, sage ich zu.
Moderation, Coaching und Prozessbegleitung in einer Person funktionieren. Nicht, weil einer alles kann, sondern weil hinter diesem einen ein System steht, das trägt: beim Kunden, bei der Agentur und zu Hause.
Wie das Programm weiterging, steht im Fallbericht zu Pioneer Minds bei Volkswagen. Wie ich Gruppen und Prozesse begleite, auf der Seite zur Workshop-Moderation und Facilitation.
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