Sieben Wochen weg, und danach kein Loch

Aktualisiert: 17. Sep.

Juli 2025, ein Coworking-Space in Dortmund. Neben mir sitzt eine junge Führungskraft aus einem Konzern, wir kommen ins Gespräch. Ich erzähle, dass wir am Samstag losfahren, sieben Wochen, die ganze Familie. Er sagt: „Sieben Wochen, wow. Genug Zeit zum Runterkommen.“
Den Satz höre ich oft, wenn ich von unseren Reisen erzähle. Hängen bleibt bei mir jedes Mal das Runterkommen. Als wäre das Jahr ein Berg, von dem man im Sommer endlich absteigen darf.
Vor mir liegt gerade Hartmut Rosas „Resonanz. Eine Soziologie der Weltbeziehung“. Rosa beschreibt Resonanz als Gegenbegriff zur Entfremdung. Wenn der Urlaub die Zeit ist, in der man endlich in Resonanz kommt, stellt sich eine unbequeme Frage: Was ist dann mit den anderen elf Monaten?
Was schon da ist
Seit Kurzem wohnen wir in Herdecke. In diesem Sommer wird der Garten zum ersten Mal richtig bespielt.
Meinen Geburtstag habe ich jahrelang auf dem Haumannplatz in Essen gefeiert, wo ich aufgewachsen bin. Picknick, egal an welchem Wochentag, drei Wochen vorher eingeladen, Beginn nach der Kita, also mitten in der Arbeitszeit. Diesmal kippte am Vortag das Wetter, und ich habe spontan zu uns nach Hause eingeladen. Schon beim Abschicken der Nachricht war klar, dass es das Picknick in dieser Form nicht mehr geben wird. Ich bin jetzt hier zu Hause.
Dann die Motten. Drei, alle klein, mit allem Glück und allem Wahnsinn, der dazugehört. Ein Buch lesen oder ein Gespräch zu Ende führen ist Glückssache. Zeit für sich allein geht immer zulasten des anderen. Deshalb nehmen wir sie uns beide bewusst, meine Frau genauso wie ich.
Wenn die Motten schlafen und wir nicht selbst erschöpft ins Bett fallen, werden die eigenen Bedürfnisse sichtbar. Dann fliegen auch mal die Fetzen. Wir finden danach gut wieder zueinander. Mein Beruf gibt mir das Werkzeug, Konflikte zu verstehen. Zu Hause bin ich trotzdem Beteiligter, und ein Beteiligter, der plötzlich den Berater gibt, hilft niemandem.
Für den Blick von außen gehe ich einmal im Quartal in Supervision. Jemand, der nicht beteiligt ist, sieht meine blinden Flecken schneller als ich.
Nichts davon ist eine Flucht. Der Urlaub auch nicht.
Wie wir reisen
Seit meine Frau und ich zusammen sind, fahren wir jeden Sommer lange weg. 2018 zu zweit, ab 2020 mit Baby, auch durch die Coronajahre. 2022 zu viert mit Vorzelt, 2023 zum ersten Mal mit Wohnwagen. 2024 zu fünft, alle drei Motten im Stockbett, wegen der Haussanierung nur zweieinhalb Wochen auf der Seiser Alm.
Jetzt also sieben Wochen. Der grobe Plan: Normandie und Bretagne. Zuerst ein Campingplatz in der Nähe meiner Mutter an der Baie de Somme. Dann Mont-Saint-Michel und Pornichet, wo ich als Kind die Ferien bei meinen französischen Großeltern verbracht habe. Zurück an der Loire entlang, mit etwas Glück über die Champagne.
Reserviert ist nichts. Wird das Wetter schlecht, fahren wir nach Süden. Die Motten essen inzwischen keinen Sand mehr. Das ist praktisch.
Für mich ist diese Art zu reisen ein Anknüpfen an frühere Zeiten, die ich so immer wieder aufleben lasse. Dass meine Frau sie mitträgt und daraus unser gemeinsames Modell geworden ist, rechne ich ihr hoch an.
Das Loch nach dem Urlaub
Am Mittagstisch im Coworking ging es kurz darauf um die Post-Urlaubs-Depression. Am Abend davor auf unserer Terrasse genauso, mit Freunden, die gerade vom Camping zurück waren. Gemeint ist das Loch, in das viele fallen, wenn der Alltag zurückkommt. Eine Erkrankung ist das nicht, der Name ist nur hängen geblieben.
Mit Rosa gelesen ist das Loch ein Hinweis. Wer nur im Urlaub in Resonanz kommt, lebt elf Monate auf einen hin. Dann ist nicht das Ende des Urlaubs das Problem, sondern der Rest des Jahres.
Bei uns ist der Urlaub keine Gegenwelt. Er verstärkt, was schon da ist. Deshalb fehlt uns danach nichts.
Das ist kein Trick. Sieben Wochen wegfahren zu können ist ein Privileg, für das ich dankbar bin. Und der Rest ist Arbeit, jeden Tag: im Beruf, in der Ehe, mit den Motten und mit mir selbst.
Wie ich im Ruhrgebiet angekommen bin, steht in meiner Vita.
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