Warum ich keine Post-Urlaubs-Depression bekomme
- Felix Schlebusch

- 16. Juli
- 6 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 17. Juli
Während ich das hier schreibe, sitze ich im Rivvers am Dortmunder Westfalenpark. Im Hintergrund rauscht die B1, die auf dem Weg nach Essen zur „40" wird und als pulsierende Lebensader das Ruhrgebiet durchzieht.

Ich habe gerade kurz mit dem Coworker neben mir gesprochen - eine smarte, junge Konzernführungskraft. Es ging um meinen am Samstag startenden Familienurlaub. Sein Kommentar hallt nach: "Sieben Wochen, wow, genügend Zeit zum Runterkommen."
Ein Satz, der mir ständig begegnet, wenn ich von unserer Reise erzähle. Bei mir bleibt "Runterkommen" hängen.
Vor mir liegt Hartmut Rosas "Resonanz" – er beschreibt Resonanz als Gegenbegriff zu Entfremdung und als Leitbegriff für ein gelingendes Leben. Von daher ist der Kommentar passend, wenn man davon ausgeht, dass Urlaub das Zeitfenster ist, um aus der Entfremdung in die Resonanz zu gehen.
Aber ist das so? Ist Urlaub nur dazu da, um "runterzukommen"? Läuft dann nicht 11 Monate im Jahr etwas schief?
Mein Leben als Freiberufler ist wechselhaft und fordernd zugleich. Seit inzwischen über 20 Jahren. Zunächst von Höcksken auf Stöcksken vom Promoter zum Moderator und seit 2019 hauptberuflich als Berater. Meine Triebfeder, spätestens seit dem Ende meines Studiums: In Resonanz treten mit meiner Umwelt – beruflich wie privat. Urlaub ist für mich nicht Flucht, sondern Verstärkung. Verstärkung von dem, was schon da ist.
Meine Resonanzräume
Da ist unser neues Zuhause in Herdecke. Unser Garten, der jetzt im Sommer richtig bespielt wird.

Letzten Mittwoch mein Geburtstag, ursprünglich wie immer am Ort meiner Jugend auf dem Haumannplatz in Essen geplant. Alte Verbundenheit zur Heimatstadt nach der Rückkehr ins Ruhrgebiet 2018.
Einen Tag vorher dann der Wetterumschwung. Ich lade spontan zu uns nach Hause ein. Bereits bei Bekanntgabe der Nachricht wird mir klar: Kein Picknick mehr auf dem Haumannplatz. Zumindest nicht in der Form. An meinem Geburtstag, egal welcher Wochentag, drei Wochen vorher einladen, Start nach der Kita, also mitten in der Kernarbeitszeit. Der Aufwand für die geringe Resonanz? Nicht mehr mein Ding. Ich bin jetzt hier zu Hause.
Dann die drei Kinder. Voller Fokus auf das ganze damit einhergehende Glück, die Bedürfnisse, Wünsche und den Kleinkind-Wahnsinn. Ein Buch lesen? Eine gepflegte Unterhaltung? Fehlanzeige! Außerdem ist Me-Time ohne Kinder rar und geht zu Lasten der Partnerin bzw. des Partners.
Dass meine Frau sich jetzt auch Zeit für Me-Time nimmt, freut mich riesig. Im Juni vier Tage bei ihrer Freundin in Zürich, im September fünf Tage Wellness mit ihrer Familie im Harz. Ich tue das seit Jahren mit meiner Weinwanderung, auch wenn die Jungs diesmal nicht mitgekommen sind (Vgl. letzter Blogartikel).
Wenn die Kinder schlafen und wir mal nicht erschöpft ins Bett fallen, werden die eigenen Bedürfnisse sichtbar. Die gemeinsamen Zeitfenster, um sich als Paar zu begegnen sind überschaubar, die Belastung hoch. Und dann fliegen auch schonmal die Fetzen. Dann zeigt sich ganz deutlich, was gemeinsame und unterschiedliche Bedürfnisse sind. Wir schaffen das ganz gut: uns einander zu zeigen, Konflikte zu leben, die eigenen Gefühle zu bändigen und nach Streitigkeiten wieder zueinander zu finden.
Mein Job als Berater bringt das Handwerkszeug mit, um Konflikte und Beziehungen zu reflektieren. Gleichzeitig auch das Dilemma des Beteiligten, der einen Teufel tun sollte, sein Instrumentarium in der eigenen Partnerschaft anzuwenden und sich vom Beteiligten zum Heilsbringenden zu stilisieren.
Dennoch helfen mir meine ständigen beruflichen Weiterbildungen und die darin vorhandenen Reflexionsräume. Genau so wie meine quartalsweise persönliche Supervision bei der wunderbaren Marlies Hendriks in Bochum. Ich halte es für essentiell mich regelmäßig im Spiegel eines Nicht-Beteiligten zu reflektieren. So prüfe ich meine Resonanzfähigkeit, checke meine blinden Flecken und schaue ob noch alle zu jonglierenden Bälle in der Luft sind.
Und dann ist da das Schreibprojekt, das ich seit Jahren im Blick habe. Die Geschichte meines Aufbruchs, Vanlife, Kloster, Berlin und die Rückkehr ins Ruhrgebiet.
All diese Resonanzräume haben eines gemeinsam: Sie sind keine Fluchten, sondern Verstärkungen. In dem, wie wir Urlaub machen zeigt sich das besonders deutlich.
Die Urlaubschronik
Seitdem ich mit meiner Frau zusammen bin, verreisen wir für einen längeren Zeitraum in den Sommermonaten. 2018 zu zweit gestartet. 2019 ist wohl irgendwo on the road unser Nachwuchs entstanden. Ab 2020 dann mit an Board, auch während der Corona-Zeit. Ab 2022 zu viert mit Vorzelt. 2023 erstmals mit Wohnwagen, damals hochschwanger. 2024 bereits zu fünft, alle Kids im Dreierstockbett, nur 2,5 Wochen zur Seiseralm wegen der Haussanierung.
Jetzt: Sieben Wochen free flow. Als fertige Familie.

Grober Plan: Normandie, Bretagne. Erster Aufenthalt auf einem Campingplatz bei meiner Mutter in der Baie de Somme an der Grenze zur Normandie. Kurzer Stop an der französisch-belgischen Grenze auf dem Hinweg. Dann mal schauen. Mont-Saint-Michel. Pornichet – dort habe ich als Kind die Ferien bei meinen französischen Großeltern verbracht. Zurück entlang der Loire, hoffentlich mit kurzem Stop in der Champagne.
Nichts reserviert. Wenn das Wetter schlecht wird, brechen wir aus nach Süden. Keine Lust, bei Regen auf einem vorgebuchten Campingplatz zu bleiben und aufbrechen zu müssen, wenn es gerade super schön ist. Die Kinder essen inzwischen keinen Sand mehr. Das ist praktisch.
Unsere Urlaube heute, sind ein Wieder-Anknüpfen an frühere Reisezeiten, die ich so immer wieder aufleben lasse. Ich bin total dankbar, dass meine Frau diese Art des Reisens mitträgt und dazu beigetragen hat, dass es sich jetzt um unser gemeinsames Modell handelt.
September und die Zukunft
Beruflich geht es im September weiter. Mit all den Impulsen aus dem Resonanzraum Urlaub. Mit konkreten Optionen und Perspektiven in der Pipeline.
Meine Auslastung hat sich seit 2023 deutlich verändert. Kriegsbeginn, Haussanierung, Inflation, KI-Hype. Ausgerechnet die Budgets für Resonanz- und Kreativräume werden zuerst gestrichen. Paradox.
Betriebswirtschaftlich macht das natürlich Sinn. Schnelle Einsparung ohne großen arbeitsrechtlichen Aufwand. Gleiches Schicksal wie Werksstudenten und Mitarbeiter in der Probezeit. Entwicklungstechnisch aber fatal. Lieber das Feuer unter dem Topf komplett löschen, als es auf kleiner Flamme am Köcheln zu halten. Dann erkaltet eben alles.
Früher hätte ich mich jetzt komplett neu erfunden. Neues Angebot, neue Zielgruppe, neuer Felix. Das tue ich bewusst nicht mehr. Ich arbeite intensiver an dem, was da ist. Gehe neue Wege mit dem, was ich kann. Und bin zum ersten Mal nicht allein damit.
Die Zeit, die durch weniger Termine frei wurde, habe ich genutzt: Bauleitung für unser Haus übernommen, Online-Auftritt komplett überarbeitet, am Schreibprojekt gearbeitet. Meine Erkenntnis aus dieser Zeit: Manchmal schafft weniger erst die Möglichkeiten für mehr.
Volle Auftragsbücher kenne ich. Weniger Zeit für die Kinder. Mehr Anspannung abends. Der Raum für die Entfaltung meiner Frau nach der Elternzeit? Blockiert durch lukrative Termine.
Jetzt ist Platz da. Ab Oktober fängt meine Frau wieder in ihrem eigentlichen Beruf an zu arbeiten. Als Frauenärztin, nach über fünf Jahren Care-Arbeit im Hauptberuf. Ich freue mich riesig, dass sie nach all den Jahren wieder einsteigt.
Das bringt Veränderung in meiner eigenen beruflichen Flexibilität mit sich. Wochenlange Auslandsmoderationen gehören der Vergangenheit an. Dieser Schritt ist keine Krise, sondern logische Konsequenz meiner neuen beruflichen Identität. Fokus aufs Ruhrgebiet, wenig Reisezeit. Mit ihren dann 60% bleibt trotzdem noch Zeit für regelmäßige zweitägige Außer-Ort-Termine.
Post-Urlaubs-Depression
Am Esstisch im Coworking-Space wird gerade über "Post-Vacation Depression" gesprochen. Gleiches Thema, wie gestern Abend mit unseren Freunden auf der Terrasse - gerade zurück vom Camping. Das Phänomen, dass Menschen nach dem Urlaub in ein Loch fallen. Traurigkeit, wenn der Alltag zurückkehrt.
Hartmut Rosa würde sagen: Das ist der Beweis für Entfremdung. Wenn Urlaub das einzige Zeitfenster ist, in dem Resonanz stattfindet, dann ist der Rest des Jahres ein Problem. Dann lebt man 11 Monate entfremdet für 4 Wochen Resonanz.
Das ist nicht mein Modell. Für mich ist Urlaub Verstärkung von dem, was schon da ist. Deshalb gibt es bei uns keine Post-Urlaubs-Depression, sondern Post-Urlaubs-Inspiration. Die sieben Wochen sind nicht Flucht vor dem Leben, sondern Verstärkung des Lebens.
Für das Privileg, mich all dem so widmen zu können, bin ich sehr dankbar. Es bedeutet aber auch Arbeit. Tägliches kultivieren von Resonanz. Im Job, in Beziehungen, in der Erziehung, im Umgang mit mir selbst.
Meine Empfehlung
Hartmut Rosa: "Resonanz. Eine Soziologie der Weltbeziehung". Schwerer Brocken, aber erhellend. Rosa beschreibt, wie Entfremdung entsteht und wie wir durch Resonanz zurückfinden können. Zu uns selbst, zu anderen, zu dem, was wir tun.

Das ist übrigens auch das, was ich in meiner Arbeit mache: Resonanz kultivieren, Entfremdung überwinden. Persönlich, in Organisationen, in der Kommunikation nach außen.
Was jetzt?
Ab September habe ich wieder Raum für neue Projekte. Wenn du merkst, dass bei dir Post-Urlaubs-Depression statt Inspiration wartet, sollten wir reden:
Ich helfe dir dabei, deine persönlichen Resonanzräume zu identifizieren und zu kultivieren
Gemeinsam schauen wir, wo in deiner Organisation Entfremdung herrscht und entwickeln konkrete Schritte
Wir erarbeiten eine Kommunikationsstrategie, die authentisch berührt statt nur informiert
Du kannst entweder direkt einen Termin in meinem Kalender buchen oder mir eine Mail an info@felixschlebusch.de schreiben.




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