Wenn ihr nicht zur Wanderung kommt, kommt die Wanderung zu euch
- Felix Schlebusch
- 2. Juni
- 5 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 3. Juni

2019 waren Rolf, Leif und ich im Ahrtal. Aus einem Männertrip wurde ein ambitioniertes Ziel: alle deutschen Weinanbaugebiete bewandern. Die ersten beiden Jahre noch zweimal im Jahr, sind wir inzwischen bei einem jährlichen Turnus und haben Stand heute über die Hälfte der 13 Regionen bewandert. Das Ziel ist längst erweitert auf 7 weitere, noch zu definierende, europäische Wein-Destinationen. Bleiben wir gesund, wonach es bisweilen aussieht, sollen dann noch Mendoza, Napa Valley, Stellenbosch und viele mehr folgen.

Nach jeder Etappe gibt es ein Tattoo: das Staudermännchen von der Mosel. Ausgesucht, weil es den Namen unseres lokalen Essener Bieres trägt: Stauder. Und weil es sich dreist bei Fremden auf die Schulter setzt und sich tragen lässt. Das fanden wir im angeschickerten Kopf lustig. So lustig, dass es uns ewig unter die Haut gehen soll. Das erste Staudermännchen setzen wir uns nach den deutschen Gebieten auf die Schulter, das zweite nach Europa und das dritte gibt's zum Abschluss, wenn der erste zu klapperig wird und nicht mehr mitwandern kann. Maximal drei. Bis jetzt haben wir alle noch kein Tattoo.
Alles neu macht der Mai
An einem Donnerstagsfeiertag im Mai 2025 scrolle ich durch Instagram und sehe eine Crowd vor Leifs neuer Weinbar in Essen. Irritiert ob der ausgebliebenen Einladung frage ich: "Habt ihr gestern eröffnet?" Seine Antwort: "Nein du Zaubermaus... gestern war ein Probetag... warten noch auf Kasse, EC-Gerät und Steuernummer… wenn das kommt ist Donnerstag erster Tag offen...." Donnerstag? Das ist der Start unserer 8. Weinwanderung. Eigentlich würden wir jetzt entscheiden ob Rheinhessen oder Rheingau.
Am Nachmittag sende ich Leifs Nachricht als Zitat an Rolf: "Weisst du mehr? Steht unser Trip auf der Kippe?" Keine 30 Sekunden später ruft Rolf aus dem Frankreich-Urlaub an. Keine Ausreden. Er hat die Wanderung ignoriert, ist mit seiner Frau in den Urlaub gefahren ohne abzusagen. Er steht dazu. Seine Entschuldigung kommt von Herzen. Daraufhin schreibe ich Leif: "Wir ziehen aber los nächstes Wochenende, oder?" Er tut unwissend: "Was meinst du damit? Wanderung?" Dann patzig: "...für eine Runde um den Block könnte die Zeit knapp reichen... wenn du und Rolf aber losziehen wollt, feuer ich euch innerlich an!"
Das ist die zweite Absage, die ich mir aktiv einholen muss. Ich bin richtig geladen und rückversichere mich bei meiner Frau bevor ich antworte. Am Ende nenne ich ihn Startup-Lack und sage deutlich, dass ich es beschissen finde, mir die Absage selber abholen zu müssen. Viertägige Solo-Trips haben mit drei Kindern inzwischen Seltenheitswert. Leifs ehrliche Entschuldigung lässt zwei Tage auf sich warten. Aber das hält eine 15-jährige Freundschaft aus.
Das Staudermännchen wandert allein
Von zu Hause bin ich bis jetzt noch nicht los gewandert. Was nicht fehlen darf: Deppenhut aus Peru, Event-Sonnenbrille und ein neuer Rucksack - der alte war durch.

Ich laufe los und stelle das Foto in die Messenger-Gruppe mit Leif und Rolf. Selbstbestimmte Tage liegen vor mir. Keine Pflicht, nur Kür, ein seltener Moment. Mit einem Termin zur Halbzeit: Golf mit Roy in Winterberg. Ich laufe in den Wald und folge dem Ruhrhöhenweg an der Herdecker Teufelskanzel vorbei in Richtung Sauerland. Das Staudermännchen ist zwar allein im Wald, aber die Jungs bleiben in cc.

Nach 15 Minuten: Erster freier Blick auf den Hengsteysee oberhalb des Köppchenwerks. Tatsächlich wird weiter unten am Hang Wein angebaut. An der Ruhr. Für mich ist allerspätestens jetzt wieder alles in Butter.
Nach zwei Stunden, kurze Pause an der Dortmunder Syburg. Jean-Pierre ruft an. Wir kennen uns vom Zivi, fast 25 Jahre her. Inzwischen auch Berater, HR, lebt in München. "Hey Felix, ich bin zufällig in Dortmund beim Kunden und habe nen Slot. Lust auf Mittagessen?" 45 Minuten später sammelt er mich am Ruhrhöhenweg in Schwerte-Westhofen unterhalb der A1 ein. Wir sprechen über alte Zeiten, das Geschäft, Ängste, Herausforderungen, Liebe, Perspektiven. Nach gut zwei Stunden setzt er mich am Schwerter Elsebad ab.
Ich nehme mir vor, noch 20km den Ruhrhöhenweg entlang der Else ins erzkatholische Menden zu laufen. Der Gespritzte zu Mittag hat mich optimistisch gestimmt. An der Mosel sind wir mal so lange gewandert. Ist aber schon lange her und da war ich nicht allein. Ich nehme auf einer Bank im Wald Platz, mir schmerzen die Beine. Trinken, ein Stück Schoki von Jean-Pierre. Ich brauche ein paar hundert Meter, um wieder in den Tritt zu kommen. Geil. Noch 4 km bis Menden, mit meinen letzten 2% Akku buche ich mir ein Hotel. Weiter komme ich heute nicht. Glockengeläute. Konklave, wie ich wenig später beim Public Viewing mit dem örtlichen Herrenstammtisch erfahre. Mendens Windsor Moment.
Brückentag auf dem Fairway

Nach der Nacht im beschaulichen Menden geht es über den Berg ins gut 15km entfernte Neheim. Um 13 Uhr holt mich Roy mit seiner neuen Außendienst-Kutsche am Autobahnzubringer ab. Wir haben uns 2019 bei der Platzreife kennengelernt und angefreundet. Wir sehen uns alle paar Monate für Playdates mit den Kindern. Gleich spielen wir. 18 Loch in Winterberg mit seinen Steuerberater-Freunden. Nach "Not gegen Elend am Hang" folgen Dinner, Couchsurfing und am nächsten Morgen Frühstück in Downtown Winterberg.
Zurück in die alte Hood
Heute kommt Rolf zurück aus seinem Frankreichurlaub und kündigt sich zu Leifs Schicht in der Weinbar an. Da will ich dabei sein und entscheide mich, nach Essen Rüttenscheid zu wandern. In die alte Hood. Das im Vorfeld so zu entscheiden, hätte sich komisch angefühlt. Frei nach dem Motto: "Erst sagen die dir nicht mal ab und dann dackelst du hin, ohne verabredet zu sein." Vorfreude-schwanger fährt Roy mich nach Unna und ich nehme den Zug über Dortmund-Dorstfeld nach Essen-Steele. Dort geht's zurück auf den Ruhrhöhenweg, jetzt in die andere Richtung. Erst die Steeler Ufer-Promenade entlang, dann rauf in Otto Rehagels Heisingen und über die Ruine Isenburg zur Heimlichen Liebe.

Ich buche mir ein Zimmer im Hotel neben der Weinbar und laufe durch die Vergangenheit, an Kluse und Mondscheinwiese vorbei, nach Essen-Rüttenscheid.
Chateau Pling
Ich bin stolz auf die neue Weinbar meiner Freunde. Schon als wir hier vor ein paar Wochen zum Geburtstag von Leifs Frau zusammengekommen sind, deutete sich ein Zweites-Wohnzimmer-Gefühl an. Mit 80 Kilometern in den Beinen und drei Tagen Freiheit im Gepäck komme ich an. Samstagabend im „Chateau Pling".

Viel mehr Freunde als erwartet sind da. Ich schmeiße eine Runde Schampus. Irgendwie absurd. Müsste ich nicht eigentlich noch schmollen und meine Freundschaft überdenken? Es wird ein bunter, feucht-fröhlicher Abend. Heimat. Obwohl ich eingeladen hatte, übernimmt Rolf die Zwischen-Zeche, als ich mich kurz zum Duschen ins Hotel verziehe. Das rechne ich ihm hoch an.
100 Kilometer komplett
Kurz geschüttelt, gefrühstückt, geht es an Saalbau und Philharmonie vorbei zum Essener Hbf und mit dem Zug nach Witten. Ich will die 100 km voll machen. Zurück auf dem Ruhrhöhenweg, laufe ich, durch den Wittener Stadtgarten, querwaldein zum Hohenstein. Eis essen, wo wir sonst mit den Kindern Wildschweine füttern. Mit einem atemberaubenden Blick über Bochum auf die Schalker Veltins-Arena und die Halde Hoheward in Herten komme ich in Herdecke an.

Vor ein paar Monaten habe ich das Corporate-Retreat Format „Ruhr-Klausur" aus der Taufe gehoben. Wenn Du Lust hast, sowas in der Art mal mit deinem Team oder als Solo-Trip zu erleben, dann kontaktiere mich oder schau mal hier vorbei: https://www.felixschlebusch.de/ruhr-klausur-corporate-retreat
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