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Sichtbar werden als Selbstständiger: Wofür will ich eigentlich gefunden werden?

  • Autorenbild: Felix Schlebusch
    Felix Schlebusch
  • vor 17 Stunden
  • 5 Min. Lesezeit
Felix Schlebusch moderiert eine Messe für TAITRA, die taiwanesische Wirtschaftsförderung, Bühnenmoderation auf Englisch

Kurz gesagt: Sichtbar werden als Selbstständiger heißt nicht, lauter zu werden. Es heißt, zu entscheiden, wofür man gefunden wird. Dieser Artikel erzählt, wie ich Ende 2023 einen Satz aufschrieb und mich neu positionierte. Zweimal, genau genommen. Nicht allein, und mit allem, was dabei schiefging.


Ende 2023 habe ich einen Satz aufgeschrieben. Er klingt banal, aber er hat alles verändert:


Ich möchte jetzt, zum Zeitpunkt X, wissen, was ich tun muss, um zum Zeitpunkt Y den Auftrag zu haben, den ich mir wünsche.


25 Jahre lang hatte ich diesen Satz nicht gebraucht. Die Arbeit kam zu mir, nicht ohne Durststrecken, aber sie kam. Über jemanden, der jemanden kannte. Ein gutes Netz, ein guter Ruf, das nächste Mandat ergab sich von selbst. Vitamin B, würde man sagen. Großartig, solange es läuft. Nur steuern kann man es nicht. Wer nur darüber arbeitet, weiß nie, woher der nächste Auftrag kommt, und vor allem nicht, welcher.

Dann kam eine Durststrecke, die blieb. Achtung: Das wird keine existentielle Phönix-aus-der-Asche-Geschichte, das neue Haus war solide finanziert, also kein Drama in 5 fünf Akten. Aber gut war es nicht.


Man sieht die Dellen kommen


Solche Dellen sieht man kommen. Selten bricht etwas über Nacht ein. Das Sehen ist nicht das Problem. Das Problem ist, was man dann tut.


Meine vertraute Reaktion hieß früher: Bettdecke über den Kopf. Abwarten, hoffen, den lieben Gott einen guten Mann sein lassen. Mal telefonieren. In der Zwischenzeit gelebt, gereist, meditiert. Das konnte ich gut, und es war damals auch zumeist das Richtige.


Im Zen gibt es ein Bild, das viele meiner Klienten kennen. Es gibt das Pferd, das auf den Schlag mit der Peitsche reagiert. Das Pferd, das schon auf die Berührung reagiert. Und das Pferd, das auf den bloßen Schatten der Peitsche reagiert.


Diesmal wollte ich das dritte Pferd sein. Also schrieb ich den Satz auf, lange bevor der Schlag fiel.


Und fing prompt falsch an. Ich machte mehr vom Gleichen, nur lauter. Videos, Newsletter, Anzeigen, handgeschriebene Briefe. Das volle Programm. Laut kann ich. Hat nur nicht funktioniert. Das ist der häufigste Irrtum, wenn Menschen etwas verändern wollen: Sie erhöhen die Dosis, statt das Mittel zu wechseln.



Die Entdeckung: Auffindbarkeit kann man gestalten


Die Wende kam mit einer Einsicht, die mir heute selbstverständlich vorkommt und es damals nicht war.


Lautstärke ist Sichtbarkeit, die sich aufdrängt, auch wenn niemand sucht. Auffindbarkeit ist Sichtbarkeit, die wartet, bis jemand sucht, und dann da ist. So weit, so bekannt. Das Entscheidende steckt eine Ebene tiefer: Wer seinen Online-Auftritt selbst gestaltet, über Suchmaschinen und die neuen KI-Werkzeuge, der entscheidet damit, wofür er gefunden wird.


Auffindbarkeit ist eine Entscheidung, kein Zufall. Und damit war aus der Marketing-Frage eine ganz andere geworden, eine, die ich aus meiner Arbeit kenne und nie an mich selbst gestellt hatte: Wofür will ich eigentlich gefunden werden?


Erst in die Weite


Die Antwort hatte ich nicht. Und hier wird es ehrlich: Ich habe sie auch nicht allein gesucht.


Ich steckte damals mitten in meiner Weiterbildung zum systemischen Supervisor und Organisationsentwickler. Also habe ich getan, was ich sonst anderen empfehle, und mich selbst zum Fall gemacht. Meine Neuausrichtung wurde mein Projekt im Organisationsentwicklungs-Teil der Weiterbildung. Vor der ganzen Gruppe. In Kleingruppen mit wechselnden Peers. Eins zu eins, in meiner eigenen Kontrollsupervision.


Der erste Schritt ging in die Weite, nicht in die Enge: alles auf den Tisch. Jedes Geschäftsfeld aufschreiben, ungeschönt, dazu, was mich an jedem reizt und wo ich stärker werden müsste. Am Ende standen zehn Felder auf zwei Flipcharts, von Supervision bis Führungskräfte-Coaching, mit Prioritäten.


Zwei Flipcharts aus der Supervisionsweiterbildung mit der Bestandsaufnahme aller Geschäftsfelder von Felix Schlebusch

Und dann habe ich etwas getan, das in keinem Positionierungs-Ratgeber steht: Ich habe nicht aussortiert. Ich bin mit der vollen Breite online gegangen. Website, Suchmaschinen, die neuen KI-Werkzeuge, alles auffindbar gemacht, was da war. Ein Bauchladen, zugegeben. Aber ein auffindbarer.


Ein Jahr Realität


Das Erstaunliche: Es funktionierte. Und zwar sofort. Das erste Ergebnis war eine Anfrage von Volkswagen, aus der ein langfristiger Auftrag geworden ist. Kein Netzwerk, keine Empfehlung. Nicht mein erster Auftrag, aber der erste, den ich selbst ausgelöst hatte, vom aufgeschriebenen Satz bis zur Anfrage.


Der ehrlichste Beleg kam aus Taiwan. Eine Wirtschaftsförderung, die für eine Messe einen Moderator suchte. Menschen, die noch nie von mir gehört hatten, auf einem anderen Kontinent. Sie haben mich gefunden, weil ich findbar war.


Über das Jahr kamen Anfragen dazu, von Konzernen über Mittelständler bis zu Städten und Kommunen, und weitere Aufträge, vom TÜV NORD bis zu einer internationalen Bank, die hier ungenannt bleibt. Genug Material jedenfalls für das, was als Nächstes kam.


Felix Schlebusch moderiert den Global Virtual Sales and Marketing Summit der TÜV NORD GROUP — Moderator Ruhrgebiet

Nur eines fehlte: Stimmig fühlte es sich nicht an. Die Seite war ein Schaufenster mit allem drin. Wer mich fand, fand viel, aber kein Bild. Also ließ ich sie laufen, ein ganzes Jahr. Nicht aus Geduld, sondern weil nur die Realität die Daten liefert, die keine Schreibtischübung hergibt: Wofür werde ich wirklich gefunden? Was wird angefragt? Und was davon wird am Ende beauftragt?


Der Strich drunter

Nach einem Jahr habe ich den Strich gezogen. Die Zahlen der Seite analysiert, daneben die Anfragen und die tatsächlichen Beauftragungen gelegt. Und dazu die Frage gestellt, die keine Statistik beantwortet: Was davon mache ich wirklich gerne?


Die Listen waren nicht deckungsgleich. Das ist der Moment, in dem die meisten aufhören oder sich für eine Liste entscheiden. Entweder machen, was nachgefragt wird, oder machen, was man liebt, und hoffen, dass es jemand sucht.


Allein hätte ich die Liste mit dem, was ich am liebsten mache, für die ehrlichste gehalten. Mein Gegenüber sah das anders. Das eigene Muster erkennt man nicht im Spiegel, dafür braucht es Menschen, die nicht höflich nicken.


Der eigentliche Schritt war die Synthese. Nicht die Schnittmenge nehmen und den Rest wegwerfen, sondern aus dem, was nachweislich gesucht und beauftragt wird, und dem, was ich gerne mache, etwas Drittes bauen.


Das Ergebnis steht seit ein paar Wochen online. Aus dem Bauchladen ist eine integrierte Seite geworden: drei Felder unter einem Satz, der sie zusammenhält, „Wenn's drauf ankommt". Moderation, Workshop & Facilitation, Coaching & Supervision. Zum ersten Mal fühlt es sich nicht zusammengestückelt an, sondern stimmig.


Zwei Artikel, dreizehn Jahre

Irgendwann in dieser Zeit stand die Westfalenpost vor der Tür. Ein Hausbesuch, um mit mir über meine Geschichte zu sprechen. Ich gebe zu: Das hat mich stolz gemacht.

Und es hat mich an ein Gefühl erinnert. 2013 schrieb die WAZ über den Reporter, der für eine Fernsehsendung loszog und ausprobierte, was andere sich nicht trauen.

Derselbe Stolz, mit einem Unterschied. Damals kam die Strahlkraft vom Fernsehen, und ich stand in ihrem Licht. Diesmal hatte nicht das TV die Strahlkraft, sondern die Geschichte selbst, im Spiegel der aktuellen Zeit.

Was davon bleibt

Die Geschichte ist meine. Der Prozess dahinter nicht. Eine Veränderung kündigt sich an, der erste Reflex ist mehr vom Gewohnten, und der eigentliche Schritt ist ein anderer: hinschauen, was man kann, was gesucht wird und was man wirklich will, und daraus etwas bauen, das alle drei trägt. Einen Teil der Antwort kann man dabei nicht erraten. Man muss ihn ausprobieren, laufen lassen und messen. Und allein geht es ohnehin nicht, das eigene Muster braucht ein Gegenüber.

Ich hatte dafür eine Weiterbildungsgruppe, Peers und eine Kontrollsupervision. Meine Klienten haben mich. Das ist die Bewegung, durch die ich sie begleite. Für alles andere braucht es keinen Coach.

Garantien gibt es trotzdem keine. Die Durststrecken sind nicht abgeschafft, Freiberuflichkeit hat solche Phasen, das bleibt so. Und um Auffindbarkeit spielen inzwischen alle mit, die Mitbewerber lesen dieselben Ratgeber. Geändert hat sich, dass ich heute weiß, was zwischen Zeitpunkt X und Zeitpunkt Y zu tun ist, und dass ich es selbst tun kann.

Das Schönste am Rande: Das alte Netz tritt auch wieder in Resonanz. Vitamin B ist zurück, diesmal als Zugabe, nicht als einziger Kanal.

Und wenn die wirtschaftliche Lage es Unternehmen wieder erlaubt, konsequent in ihre Mitarbeitenden zu investieren, könnte aus dem Freiberufler am Ende doch noch ein Unternehmer werden. Wer weiß.

Sichtbar werden als Selbstständiger heißt nicht, lauter zu werden. Es heißt, zu entscheiden, wofür man gefunden wird. Der Rest ist Handwerk.


Felix Schlebusch ist Moderator, Facilitator und systemischer Coach aus Herdecke an der Ruhr. Er begleitet Führungskräfte, Teams und Organisationen, auf Deutsch, Englisch und Französisch. Mehr über seinen Weg in der Vita.

 
 
 

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