Supervision ohne Anlass: bevor der Mediator kommt
- Felix Schlebusch

- vor 2 Tagen
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Es gibt ein Gespräch, das ich immer wieder führe. Mit erfahrenen Supervisorinnen, mit Systemikern, die das doppelt so lange machen wie ich. Meistens abends, meistens entspannt, und irgendwann kommt der Satz:
„Es muss ja auch was vorliegen."
Gemeint ist: Supervision braucht einen Anlass. Ohne Anliegen kein Auftrag, ohne Auftrag keine Arbeit. Ich habe jedes Mal widersprochen. Irgendwann habe ich nachgesehen, wo das eigentlich herkommt.
Es steht nirgends
Ich habe nichts gefunden. Keine Definition, kein Standardwerk, keine Verbandsposition, die Supervision an eine Vorbedingung knüpft.
Was ich gefunden habe, ist das Gegenteil. In der einschlägigen Personalliteratur gilt Supervision als das Format der kontinuierlichen Berufsrollenreflexion, ausdrücklich auch ohne spezifischen Anlass. Anlassbezogen und zeitlich begrenzt ist dort ein anderes Format, und das heißt Coaching.
Was es tatsächlich gibt, ist ein Verfahrensschritt: Zu Beginn eines Prozesses klärt man den Anlass. Das steht in jedem Ablaufmodell, und es ist richtig so. Nur ist im Alltag daraus etwas anderes geworden: „Es muss etwas vorliegen, sonst fangen wir nicht an." Ein Schritt im Prozess hat sich in eine Eintrittskarte verwandelt.
Das ist keine Lehrmeinung, sondern eine Gewohnheit.
Warum sie sich hält
Zwei Gründe liegen auf der Hand: Organisationen bewilligen Mittel für Probleme, nicht für Vorsorge: wer von Supervision lebt, richtet sein Angebot danach. Und ein gelöster Konflikt lässt sich vorzeigen, ein nicht entstandener nicht. Prävention hat keine Erfolgsgeschichte.
Der dritte Grund ist der ehrlichste, und er hat mit uns zu tun: Ohne Anliegen fehlt der Griff. Man betritt einen Raum, in dem nichts vorliegt, und muss aus dem Nichts eine Arbeit entstehen lassen. Das ist unbequem. Ein konkreter Anlass ist bequem, nicht nur für den Kunden.
Der Raum, in dem nichts vorliegt
Ich verstehe den Respekt vor diesem Raum. Ich teile ihn nur nicht.
Wenn nichts vorliegt, passiert nämlich etwas, das sonst kaum vorkommt: Beide Seiten haben ihre Hausaufgaben gemacht. Niemand muss sich rechtfertigen, niemand muss überleben, niemand muss erst erklären, wie schlimm es ist. Man setzt sich hin und schaut gemeinsam auf ein Drittes.
Genau das ist Supervision, wenn man sie beim Wort nimmt. Nicht ich schaue auf Sie, nicht Sie auf mich. Wir beide schauen auf Ihre Arbeit, auf Ihre Rolle, auf diesen einen Fall. Meine Aufgabe ist dabei nicht, etwas zu lösen, sondern verfügbar zu sein: für die Frage, die noch nicht gestellt ist.
Liegt ein Anlass im Raum, schiebt er sich vor dieses Dritte. Er ist lauter, er ist dringender, er zieht alles auf sich. Liegt keiner vor, wird das Dritte sichtbar.
Dort arbeite ich am liebsten. Nicht weil es leichter wäre, sondern weil dort die Arbeit anfängt, für die es mich gibt.
Eine Einschränkung gehört dazu. Es gibt Menschen, die zu nichts kommen, weil sie alles zerdenken. Für sie ist mehr Reflexion nicht die Lösung, sondern die Verlängerung des Problems; sie brauchen keinen weiteren Blick, sondern eine Bewegung. Die Gewinne entstehen bei den anderen: bei denen, die liefern, die zurechtkommen und die es nie zum Nachdenken schaffen, weil der nächste Termin schon läuft.
Und trotzdem hat der Markt recht
Ich schaue auf meine Anfragen der letzten Monate. Ein Team, in dem übereinander statt miteinander geredet wird. Eine Leitung, die schreibt, man habe es aus eigener Kraft nicht mehr beigelegt bekommen. Ein Konflikt, der sich, wie es dort heißt, manifestiert hat.
Das sind gute Anfragen, ich arbeite gern damit. Aber wenn ich ehrlich bin: Wir holen Supervisoren meistens erst, wenn eigentlich schon ein Mediator nötig wäre.
Die Kolleginnen und Kollegen, die sagen, es müsse etwas vorliegen, beschreiben den Markt völlig richtig. Sie beschreiben nur nicht das Format.
Was die Forschung hergibt, und was nicht
An dieser Stelle müsste jetzt der Absatz kommen, in dem ich Ihnen erkläre, dass regelmäßige Supervision Burnout verhindert und Krankheitstage senkt. Solche Absätze finden Sie in meiner Branche reichlich, gern mit Prozentzahlen.
Ich schreibe ihn nicht, weil er nicht gedeckt ist. Die maßgebliche Sichtung der internationalen Supervisionsforschung kommt zu einem unbequemen Ergebnis: Die Behauptung, Supervision verhindere Burnout, wird von der Forschung nicht gestützt. Es fehlen kontrollierte Studien, die vorhandenen sind methodisch schwach.
Was sich sagen lässt, ist bescheidener und trotzdem nicht nichts: Supervision wird überwiegend als entlastend erlebt, und wer sie als wirksam erlebt, ist zufriedener mit seiner Arbeit.
Es gibt dafür auch einen berufsrechtlichen Grund, präziser als alles, was ich formulieren könnte: Der Supervisionskontrakt ist ein Dienstvertrag. Geschuldet ist die Leistung, nicht der Erfolg. Mein Berufsstand hat längst geregelt, dass er kein Ergebnis verkauft. Nur die Werbetexte haben es nicht mitbekommen.
Ich verkaufe Ihnen deshalb kein Ergebnis, sondern einen Rhythmus.

Was auftaucht, wenn nichts brennt
Ein Beispiel, das ich am eigenen Leib habe.
Ich nehme selbst regelmäßig Supervision in Anspruch, nicht weil etwas brennt, sondern aus demselben Grund, den ich hier verteidige. In einer dieser Sitzungen kam als Ergebnis heraus: weniger Felix Schlebusch in der Außendarstellung. Weniger Fotos von mir, weniger Superlative rund um meine Person.
Ich habe Tage gebraucht, um das nicht als Angriff zu lesen, obwohl ich sofort wusste, dass etwas dran ist. Was mich getroffen hat, war nicht die Kritik, sondern was dahinter sichtbar wurde: Ich hatte mich jahrelang abgemüht, mich nach außen so professionell wie möglich darzustellen, und dabei übersehen, dass ich längst der bin, der ich damals werden wollte. Auf der Website lief noch eine Routine mit, die ihren Zweck erfüllt hatte.
Das hätte in keiner Krisensitzung Platz gehabt. Wenn etwas brennt, redet niemand über eine Routine, die niemandem schadet. Es brauchte einen Termin, an dem nichts vorlag.
Es gibt Organisationen, die das verstanden haben. Bei Innolume, einem Technologieunternehmen im Ruhrgebiet, habe ich ab Mai 2023 fünf Führungskräfte begleitet: gemeinsamer Auftakt, danach Einzelprozesse über je sechs Einheiten, gemeinsamer Abschluss. Kein Anlass, keine Krise. Man hatte entschieden, dass Führung einen Ort braucht, an dem sie besprochen wird, bevor sie besprochen werden muss. Nach einer Pause läuft das Mandat seit Ende 2025 weiter. Wie es aufgebaut ist
Der Kampf, den ich noch nicht kämpfe
Ich könnte hier weiter ausholen. Ich glaube nämlich, dass Führungsverantwortung nicht am Werkstor endet. Eltern führen. Sie entscheiden für Menschen, die sich nicht wehren können, sie handeln unter Erschöpfung, und sie bekommen darauf so gut wie nie eine qualifizierte Rückmeldung.
Aber diesen Kampf kämpfe ich noch nicht. Solange wir es nicht einmal im beruflichen Kontext schaffen, jemanden zu rufen, bevor die Fronten stehen, bleibt alles Weitere akademisch.
Ich bleibe deshalb bei der kleineren Forderung: Rufen Sie an, bevor Sie einen Mediator brauchen.
Wie ich arbeite und was Supervision kostet: Supervision im Ruhrgebiet.
Als systemischer Coach, Supervisor und Moderator begleite ich Menschen und Organisationen, wenn es drauf ankommt. Mehr über meinen Weg in der Vita.
Schreiben Sie mir einfach an info@felixschlebusch.de oder rufen kurz durch: +49 163 2863165
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